zurueck vorwaerts

SUNSET BOULEVARD / von Andrew Lloyd Webber

Tischlein deck dich
 

Theater: Theater Lüneburg
Inszenierung: Frank-Lorenz Engel
Musikalische Leitung: Nezih Seckin
Ausstattung: Barbara Bloch
Mit: Masha Karell, Kristian Lucas, Luisa Rhöse, Ulrich Kratz, Volker Tancke, MacKenzie Gallinger, Steffen Neutze, Oliver Hennes, Alexander Panitsch, Marcus Billen, Wlodzimierz Wrobel, Elke, Kirsten Patt, Dobrinka Kojnova-Biermann, Astrid Gerken, Matthew Sly, Brigitte Hauck

Premiere: 16. November 2013, 20:00 Uhr
Spielzeit: 16. November 2013 - 23. April 2014    >> Termine


Stilvolle Inszenierung von Andrew Lloyd-Webbers Hommage an die großen Diven der Stummfilmzeit
///////     Hollywood Ende der 1940er Jahre. Für die Stummfilmdiva Norma Desmond hat sich viel geändert: Der beliebte Star der Stummfilmära hat den Anschluss an den Tonfilm verpasst. Mithilfe ihres pflichtschuldigen Dieners Max hat sie sich eine Parallelwelt erschaffen, in der sie sich weiterhin im Ruhm sonnt.
Um endlich wieder in den begehrten Paramount Studios arbeiten zu können, schreibt sie ein Drehbuch und sich selbst mit der Titelfigur Salomé die Hauptrolle auf den Leib.
Als der erfolglose Autor Joe Gillis vom Zufall in ihre Villa am bekannten Sunset Boulevard geweht wird, zieht sie ihn sofort in ihren Bann und spannt den jungen Mann für ihre Zwecke ein.
Joe Gillis nimmt diese Gelegenheit dankend an, erkennt aber schnell, dass viele Vorstellungen Normas wahnwitzig und unrealistisch sind.
Sukzessive macht Norma Joe von ihrem Schoßhündchen, das von ihr ausstaffiert wird, zu ihrem jugendlichen Geliebten. Als Joe sich jedoch in eine Kollegin verliebt, nimmt das Schicksal seinen Lauf: Norma landet unsanft in der Realität, steigert sich umso mehr in ihren Divenwahn und bringt schließlich den einzigen Menschen um, der sich traute, ihr die Wahrheit zu sagen.
Andrew Lloyd-Webbers Musical erzählt die emotionale Handlung aus der Sicht von Joe Gillis. Was zunächst wie die große Chance aussieht, entpuppt sich ziemlich schnell als Alptraum im goldenen Käfig. Was es dazu braucht, sind zwei ausnehmend starke Charaktere, die die exzentrische Norma und den eigensinnigen Joe darstellen. Mit Masha Karell und Kristian Lucas wurden zwei Künstler engagiert, die ihren Rollen mehr als gerecht werden.
Masha Karell nimmt man die egozentrische Stummfilmdiva in jeder Sekunde ab. Sie stolziert über die Bühne, agiert raumgreifend und setzt ihre überbordenden Emotionen gekonnt ein, um Joe um den Finger zu wickeln. Einige Handbewegungen erinnern stark an ihre letzte Rolle als Grizabella, doch auch die Glamourkatze der "Cats" war schließlich eine ganz besondere Diva. Insofern passt das durchaus. Auch stimmlich ist sie der druckvollen Rolle gewachsen und überzeugt in den energiegeladenen Soli und gefühlvollen Duetten gleichermaßen.
Kristian Lucas ist schon seit einigen Jahren kaum mehr aus Lüneburg wegzudenken. Sein Joe Gillis ist sehr gefühlsbetont und weniger berechnend als man es an einigen Stellen erwarten könnte. Dass er zwischen dem schönen, bequemen und sorgenfreien Leben in Normas Villa und dem kreativen, unabhängigen "Hands-On"-Dasein als Drehbuchautor im Filmstudio hin- und hergerissen ist, kann das Publikum sehr gut nachvollziehen. Seinen variablen Tenor stellt er in den schwungvollen Passagen genauso gut unter Beweis wie in den Szenen, in denen Joes Verletztheit im Vordergrund steht.
Eine imposante Erscheinung ist Ulrich Kratz als Normas Diener Max, der auch ihr erster Regisseur und Ehemann war. Er hat eine elegante, fast staatsmännische Ausstrahlung, ordnet sich mit unbeschreiblichem Pflichtbewusstsein seiner großen Liebe unter. Kratz muss sich stimmlich hinter den beiden Hauptdarstellern nicht verstecken. Sein Bariton ist sehr beeindruckend und unterstützt Maxs hintergründige Machtposition in Normas Leben ideal.
Regisseur Frank-Lorenz Engel reizte vor allem die Vielschichtigkeit des Musicalstoffs zwischen Hollywood-Opulenz und psychologischer Studie: "Diese Charaktere, insbesondere Norma und Joe, stehen mit ihrer Einsamkeit, ihrem Egoismus ihrer Gier nach Liebe verloren in der prunkvollen Fassade der Hollywood-Welt. In Lloyd-Webbers Musical ist noch viel von der genauen Figurenzeichnung von Billy Wilder zu spüren: Die Geschichte hat vielschichtige psychologische Beziehungs- und Gefühlsgeflechte, die sich in der Welt des schönen Scheins der Filmindustrie ganz anders darstellen als im Inneren der Protagonisten, die aber in Lloyd-Webbers Musik wunderbar artikuliert werden." Engels gelingt es mehr als treffend dieser sehr genauen Beobachtung seiner Hauptfiguren gerecht zu werden.
Seine Personenregie ist exzellent und kleine Kniffe wie bspw. die Verfolgungsjagd umgesetzt mit zwei Darstellern in Schwarz, die jeweils zwei Taschenlampen in Händen halten, machen seine Arbeit sehenswert.
Videofilme, die an die Rückwand von Normas Salon projiziert werden, machen Szenen wie "Träume aus Licht" oder die Finalszene, in der der tote Joe Gillis im Swimming Pool treibt, während Norma sich in der Villa Polizei und Presse stellen muss, noch intensiver und zeigen einmal mehr, dass auch Stadttheater die komplette technische Klaviatur bedienen können.
Dankbar bin ich erneut für die stimmigen Kulissen und Kostüme von Barbara Bloch. Seit Jahren beweist die Bühnenbildnerin immer wieder erfolgreich, dass sie ein Gespür für das richtige Setting, passende Kostüme und geeignete Details hat. Ihr gelingt es spielend, die Bühne in das Hollywood von 1950 zu verwandeln. Nichts irritiert, Normas Roben sind wundervoll und auch die Anzüge und Kleider des großen Ensembles passen perfekt in die Zeit.
Komplettiert wird diese äußerst gelungene, runde Inszenierung von den Lüneburger Symphonikern unter der Leitung von Nezih Seckin. Orchester und Gesang sind perfekt aufeinander abgestimmt - etwas das in Lüneburg in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Doch in "Sunset Boulevard" beeindrucken die wunderbar intonierten, teilweise sehr voluminösen Kompositionen von Andrew Lloyd-Webber ein ums andere Mal.
"Sunset Boulevard" gehört sicherlich nicht zu en einfachsten Stoffen, die die Musicalwelt zu bieten hat. Die Glaubwürdigkeit des Stücks steht und und fällt mit der Ausstrahlung und Präsenz der Hauptfigur Normas Desmond. In Lüneburg hat man in diesem Jahr alles richtig gemacht: Masha Karell beeindruckt tief. Regie, Gesang, Orchester und Bühnenbild liefern ein selten rundes, stimmiges Gesamtbild ab. Von diesem Team möchte nicht nur das begeisterte Premierenpublikum eindeutig mehr sehen.   ///////////  

www.musicals-online.com, Michaela Flint



Ach, aller Ruhm ist vergänglich
///////  Lüneburg. Schnippte sie mit den Fingern, kuschten sie alle, ob Maskenbildnerin oder Regisseur. Sie war eine Göttin, sie schenkte den Menschen Träume aus Licht. Doch ach, aller Ruhm auf Erden ist vergänglich, längst glitzern nur noch die Pailletten der Norma Desmond, die den Sprung vom Stumm- zum Tonfilm nicht schaffte. Die Tragödie einer Diva, der Abgesang auf Hollywood, den "Sunset Boulevard" anstimmt, bietet großes Kino. Einst für die Leinwand von Billy Wilder, dann für die Bühne von Andrew Lloyd Webber, und nun feiert das Theater Lüneburg mit dem bildersatten Musical einen fetten Triumph.
Geblieben sind der Norma Desmond Reichtum, Einsamkeit und ihr ergebener Diener Max, der Tag um Tag Fanpost fälscht, um Normas Traum von ewigem Ruhm zu nähren. Doch plötzlich platzt in die Palastgruft ein junger Mann, ein Drehbuchautor auf der Flucht. Er wird von der Diva schnell eingesponnen in ihren Wahn von Größe, und wenn dieser Joe Gillis das Netz der Lüge zerreißt, dann kann es kein gutes Ende nehmen.
Es ist ein Wagnis, ein so großes Stück wie dieses Musical in einem Haus wie Lüneburg zu produzieren. Gewagt – und Gewinner gibt es viele. Barbara Bloch etwa. Sie schafft Bühnenräume, die das Wuselige eines Filmstudios verblüffend schnell und leise in den morbiden Luxus der Diva verwandeln, dazu kommen Orte, die das Jugendfeeling der frühen 50er-Jahre verbreiten und als Sternennacht-Kulisse einer Romanze dienen. Auch bei den Kostümen geht es üppig zu, vor allem bei den Roben der Stummfilmdiva. Das Licht (Walter Hampel), der Ton (Wolfgang Ziemer) – überall hinter den Kulissen bis zu den Videos (Börn Kurt) ist sehr genau gearbeitet worden. Regisseur Frank-Lorenz Engel bringt die Geschichte in einen mitreißenden Rhythmus, er zeichnet die Figuren klar und gibt ihnen Raum. Engel schärft Dialoge, Szenen und Typen, vor allem lässt er das Geschehen in den opulenten Showbildern jederzeit plausibel wirken. Originelle Lösungen findet Engel: Die Verfolgungsjagd per Auto ist blendend! Wie der Regisseur achtet Dirigent Nezih Seckin auf die – ausgezeichnete – Verständlichkeit. Die Lüneburger Symphoniker sorgen für einen satten, breiten Sound der streckenweise banalen Musik, die aber farbig instrumentiert ist, die manchmal jazzig wird, was Seckin nicht so liegt, und zum Schluss eine spannend austarierte dramatische Zuspitzung erhält.
Zum Ende kommt es zu einer Wahnsinnsszene, da ist das Theater zurzeit gut drin, siehe "Lucia di Lammermoor". Nun ist es also die alternde Diva, die endgültig abdreht, und Masha Karell gibt ihr nun stimmlich und spielerisch Tiefe, um das Verlöschen der Träume zu zeigen, sie verbrennen schnell wie Zelluloid. Karell ist der Star des Abends, sie hat die richtige Stimme, die sich aufschwingt zu Größe und zurücknimmt, um innere Zerrissenheit zu zeigen. Diese Norma Desmond agiert nach wie vor wie ein Stummfilmstar, führt ein Leben in Schwarzweiß, in dem es keine Zwischentöne geben darf, sie feuert stets zu große Gefühle ab und Gesten, die nur noch Posen sind.
In den Flammen, die Norma schleudert, versengt sich der von seinen Gläubigern gehetzte Drehbuchschreiber Joe Gillis. Kristian Lucas spielt und singt ihn mit bestechender Selbstverständlichkeit – diesen charmanten lebenslustigen Hallodri, der zu lange braucht, um zu wissen, was er will.
Wie ein Vampir, bleich und kontrollierend agiert Ulrich Kratz zurückhaltend in der Rolle des Dieners, der einst mit dem Star aus der Bahn geworfen wurde. Kratz bekommt und nutzt einen großen Moment, der diesen Max von Meyerling als weit mehr ausweist als das, was er zu sein scheint – und er weiß, wann es Zeit ist, die weißen Handschuhe des Dienens abzustreifen.
Luisa Rhöse bringt als Betty den Aufbruchsgeist der Jugend ein, Mackenzie Gallinger gefällt als Artie und mit ihm viele: Volker Tancke als Großregisseur Cecile B. DeMille, Steffen Neutze (Sheldrake), Oliver Hennes (Mr. Manfred), Wlodzimierz Wrobel (Hogeye) bis hin zu Kosmetikerinnen, Masseurinen, der "Astrologin" Brigitte Hauck, der "Ärztin" Bianca Stüben", Olaf Schmidts Ballett, Deborah Coombes Chören und vielen Statisten. Sie alle schaffen einen hart erarbeiteten, spektakulären, mit Standing Ovations gefeierten Abend. Großes Kino eben.   ///////////  

www.landeszeitung.de, H.-M. Koch, 18.11.2013