zurueck vorwaerts

Ein Mann für's Grobe / von Eric Assous

Ein Mann fürs Grobe
Fotos: Loredana La Rocca
Theater: Komödie im Bayerischen Hof, München
Regie: Frank-Lorenz Engel
Bühne: Thomas Pekny
Mit: Jürgen Prochnow, Verena Wengler, Ralf Komorr, Clara Cüppers, Leenert Schrader, Patrick Dollmann, Genoveva Mayer

PREMIERE: November 2016
Spielzeit: 11. Januar 2017 — 26. Februar 2017

Severine, erfolgreiche Chefin eines kleinen Verlagshauses, kann rundum zufrieden sein: Auf der Karriereleiter steht sie ganz oben, sie ist liiert mit ihrem attraktiven Verwaltungsleiter Patrice und auch ihren 24 Jahre alten Sohn Guillaume aus erster Ehe hat sie im Verlag untergebracht. Von dem Verwandtschaftsverhältnis allerdings weiß keiner in der Firma.
Da steht eines Tages - nach einer Funkstille von fünfundzwanzig Jahren - überraschend Jean-Pierre vor ihr, Severines Ex-Mann, und bettelt um einen Job. Nach einer Firmenpleite finanziell am Ende, kann er seit einigen Monaten nicht einmal mehr die Miete für sein Zimmerchen am Flughafen bezahlen. Und Severine lässt sich erweichen. Nur: Ist es ein Job, was sie ihm da anbietet, oder ist es die Rache dafür, dass er sie damals für eine Jüngere sitzen ließ? 80 Stunden in der Woche? Für den Mindestlohn? Unter falschem Namen? Als Pfleger? Als Raumpfleger!
Widerwillig nimmt Jean-Pierre an. Und erweist sich in der Tat als Mann fürs Grobe: Er ruiniert das Büroinventar, er vergrault Nachwuchsautoren kurz vor der Vertragsunterzeichnung und er erpresst den charmanten Patrice, nachdem er dessen Verhältnis mit Severines 28-jähriger Assistentin entdeckt hat. Jean-Pierre ist also auf dem besten Weg, sich im Verlag richtig gut zu etablieren, da gerät sein neues Leben schlagartig schon wieder in Gefahr, denn Victoria steht vor der Tür - die Frau, derentwegen er seinerzeit Severine verlassen hatte. Und sie hat ein Buch geschrieben: „Porträt eines Mistkerls“…
Uraufführung: September 2010, Théâtre du Palais-Royal, Paris
Nominiert für den Prix Molière als beste Komödie


///////     Das Beziehungskisten-Boot
Und am Ende ist doch alles anders, als es am Anfang schien. Nicht nur der Schluss überraschte am Freitagabend im Kleinen Haus beim Gastspiel der Komödie im Bayerischen Hof. Die kurzweilige Komödie „Ein Mann fürs Grobe“, die 2010 in Paris uraufgeführt worden war, sorgte auch in Delmenhorst für viel Heiterkeit.

Autor Eric Assous, dessen Stücke „Achterbahn“ und „Glück – Le Bonheur“ in den vergangenen Spielzeiten schon das Publikum überzeugt hatten, setzte diesmal mehr auf Unterhaltung denn auf Tiefgang. Der 69-jährige lieferte aber keineswegs ein oberflächliches Stück ab. Im Gegenteil, teilweise ging es ganz schön rund. Zuerst schien es so, als ob eine Frau unerwarteter Weise die Möglichkeit bekommt, sich an ihrem Ex-Mann zu rächen, der sie vor fast 25 Jahren wegen einer Jüngeren hatte sitzen lassen. Jean-Pierre, der ehemals skrupellose und erfolgreiche Banker, kommt in abgerissener Kleidung und angeblich völlig mittellos in den Buchverlag seiner Ex-Gattin Séverine und bittet sie um Hilfe. Séverine, die von sich selbst behauptet, dass ihr wunder Punkt ist, dass sie nicht nein sagen kann, stellt Jean-Pierre, um sich nicht dem Vorwurf der Vetternwirtschaft auszusetzen, unter dem Namen Auguste Baguett, als Raumpfleger ein. Bei einer täglichen Arbeitszeit von 5 bis 21 Uhr gesteht sie ihm den Mindestlohn für eine 35 Stunden-Woche zu. Doch das ist noch nicht genug der Demütigung. Séverine scheucht ihren Verflossenen, den sie auch schon mal genussvoll dummen August nennt, im Kasernenhausstil von einer erniedrigenden Aufgabe zur nächsten. Verena Wengler, seit 2015 mit Jürgen Prochnow verheiratet, lief in mehreren herrlichen Roben als temperamentvoll exaltierte Verlagschefin beim Herumkommandieren zu großer Form auf. Verabreichte ihre Rache mit wohldosierten Spitzen.

„Das Boot“-Star Jürgen Prochnow schien seine Rolle als Jean-Pierre ebenfalls zu genießen. Der 75-jährige trat erst als bemitleidenswerter Bittsteller auf, um dann ganz schnell als lästiger, lauter, frecher und fauler Raumpfleger mit Raffinesse seine eigenen Pläne voranzutreiben. Er erpresst Séverins Geschäftsführer und Lebenspartner Patrice (Rolf Komorr als aalglatter Wendehals), der Séverine mit deren Assistentin Célia (Clara Cüppers auf Highheels als Hingucker und gleichzeitig zu naiv, um zu erkennen, dass ihr Patrice es nicht ernst meint) betrügt. Außerdem sabotiert Jean-Pierre mit Hilfe einer mit Pappbechern um sich werfenden Kaffeemaschine Séverines Vertragsgespräch mit einem hoffnungsvollen Nachwuchsautor und sorgt auch sonst, zur Freude der Zuschauer, für so manchen Verdruss.

Weiteren Spaß garantierten zwei weitere Charaktere, die Regisseur Frank-Lorenz Engel als „schräge“ Typen angelegt hatte. Patrick Dollmann (auch als schüchterner Nachwuchsautor Lebovsky überzeugend) zelebrierte die Auftritte des schwulen Lektors Gaetan. Er tänzelte über die Bühne, strapazierte die Lachmuskeln der Zuschauer mit urkomischem Lachen und beim Verlassen des Büros jedes Mal mit geräuschuntermaltem Winken, das von Prochnow stets gegengleich erwidert wurde.

Eine weitere echte Type entwickelte der in Bremen geborene Leenert Schrader als Bote Guillaume. Auf Rollschuhen und mit Kopfhörern auf den Ohren stürmte er immer ohne zu klopfen mit lautem Getöse ins Büro. Er ließ eindeutige Sprüche ab und jeden Respekt vermissen. Später wurde klar, warum er sich so ein Benehmen leisten konnte. Wieder ließ die Vetternwirtschaft grüßen. Guillaume ist Séverines Sohn, der darunter leidet, nicht zu wissen, wer sein Vater ist. Seine Mutter verweigert ihm die Auskunft mit dem Hinweis, dass sein Vater ein A…loch sei. Doch es kam, wie es kommen musste. Jean-Pierre und Guillaume verstehen sich gut, kommen ins Gespräch und stellen fest, dass sie Vater und Sohn sind. Doch das war nicht der einzige Schock für Jean-Pierre.

Séverine hat noch einen äußerst scharfen Pfeil im Köcher. Victoria, wegen der Séverine vor 25 Jahren verlassen worden war, hat ihre Zeit mit Jean-Pierre in einem Roman verarbeitet. Séverine lädt die ehemalige, ihr bis dahin unbekannte Nebenbuhlerin, ins Büro ein und quetscht sie im Beisein von Jean-Pierre auf der Suche nach pikanten Details aus. Mit gezielten Spitzen führt sie ihre Rache zu einem unerwarteten Höhepunkt. Auch Victoria (Genoveva Mayer als Frau mit Stil) wurde nach dem Ende der Beziehung ohne Jean-Pierres Wissen Mutter. Sie gebar sogar Zwillinge. Jean-Pierre/Auguste haut es ob des neuerlichen Kindersegens im wahrsten Sinne des Wortes von den Socken.

Doch damit noch nicht genug der Überraschungen. Als Séverine zu Patrices Entsetzen seinen vor einem Jahr gemachten Heiratsantrag endlich annimmt, ist es für Jean-Pierre an der Zeit, aus der Deckung zu kommen. Er hat zwar einiges Geld verloren, ist aber mitnichten mittellos, dafür aber geläutert. Und, weil er wusste, dass er nur als armer Schlucker Chancen haben würde, sich Séverine, die er immer noch liebt, zu nähern, schlüpfte er in ebendiese Rolle.

Am Ende gab es großen Applaus (und für den überzeugenden Jürgen Prochnow auch noch zwei Rosen von einem Fan) für eine temporeiche Aufführung, die durch gut umgesetzte Regieideen überzeugt und deren derbe Sprache in manchen Szenen humorvolle Akzente gesetzt hatte. ///////    
Heide Rethschulte, Delmenhorster Kurier, 05.12.2016



///////     Mit Mistkerlen aufräumen
sz Während seine Ex-Frau Séverine (Verena Wengler) mit ihrem Lektor (Patrick Dollmann) gepflegt über Manuskripte diskutiert, gibt Jean-Pierre (Jürgen Prochnow) den emsigen Wischmob. (Foto: Loredana LaRocca)

Jürgen Prochnow ist in der Komödie im Bayerischen Hof "Ein Mann fürs Grobe". Dieser hat in Eric Assous' Stück als Putzmann alte Konflikte zu bereinigen

Zum Täter-Opfer-Ausgleich zählen alle Bemühungen, die nach einer Straftat zwischen Täter und Geschädigten bestehenden Probleme, Belastungen und Konflikte zu bereinigen. Eine juristische Definition, die sich auch auf Eric Assous' Komödie "Ein Mann fürs Grobe" übertragen lässt: In der haben Séverine, erfolgreiche Leiterin eines Verlagshauses, und ihr Ex, ein ehemals erfolgreicher Finanzjongleur, so einiges zu bereinigen. Auch im wortwörtlichen Sinne. Stellt doch die von Verena Wengler gespielte taffe Verlagschefin ihren "Widerling" von Ex-Mann, verkörpert von Jürgen Prochnow, bei ihrer ersten Wiederbegegnung seit mehr als zwanzig Jahren als Raumpfleger ein. Der fortan als Ein-Mann-Putzkolonne 80 Wochenstunden zum Mindestlohn schuften soll. Ihr abgehalfterter Ex (vom international anerkannten, 75 Jahre alten Film-Bösewicht Prochnow mit charmantem Understatement verkörpert) greift zu, wenn auch nur widerwillig. Aber was bleibt ihm schon anderes übrig? Wenn ihm das nicht passe, könne er ja gerne von seinem Apartment in Flughafennähe auf die dortige Landebahn umziehen, lautet Séverines Rache-Pointe .

Und so kommt es, dass bei der Premiere in der Komödie im Bayerischen Hof ein ganz besonderer Täter-Opfer-Ausgleich ins Rollen kommt. Den der Regisseur Frank-Lorenz Engel ebenso hitzig wie bissig in Szene setzt. Wobei die Stückvorlage des erfolgreichen französischen Spezialisten für intelligente und raffiniert eingefädelte Komödien - "Ein Mann fürs Grobe ist nach "Achterbahn" und "Glück" Assous' drittes Werk, das im Haus zu sehen ist - alle Beteiligten in Situationen von zuweilen haarsträubender Banalität stürzt. Da entpuppt sich der Bürobote als verheimlichter Sohn, die Assistentin als heimliche Geliebte und Séverines Lebensgefährte als Beziehungsschwindler, den Rolf Komorr in aalglatten Facetten herrlich überzogen verkörpert. Nicht von ungefähr war "Ein Mann fürs Grobe" 2011 als beste Komödie für den begehrten Prix Molière nominiert.

Die zwischen Séverine und Jean-Pierre zur Disposition stehende "Straftat" ist freilich nicht krimineller, sondern emotionaler Natur. Hat doch Jean-Pierre, der mit Vorliebe das "Verfallsdatum" von Frauen mit dem von "Joghurts" vergleicht, Séverine schon am Anfang ihrer Ehe mit ihren beiden besten Freundinnen betrogen - am Ende verließ er sie wegen einer erheblich Jüngeren. Dass auch diese, Victoria, später ihren Jean-Pierre nicht halten konnte, erfährt Séverine allerdings erst jetzt, als ihr ein Manuskript ebendieser Victoria (Genoveva Mayerin) in die Hände fällt, mit dem aussagekräftigen Titel: "Porträt eines Mistkerls". So dass sich auch auf der Frau-Frau-Ebene ein Täter-Opfer-Ausgleich anbahnt, bei dem Wenglers zwar feminine, nichtsdestotrotz aber kampferprobte Séverine ihre Konkurrentin mit Verve vorführt - und ihren Ex zwingt, dabei Zeuge zu sein.

Auch wenn Prochnow als gealterter Filou zuweilen beinahe bemitleidenswert anmutet, wie er da in Arbeitsoverall, mit Staubwedel und Putztuch den schikanösen Anweisungen seiner rachsüchtigen Ex Folge leistet, beweist er recht bald, dass er sich seine Verstellungskünste und seinen Geschäftssinn bewahrt hat. Stößt er beim Putzen doch nicht nur an das elegante Mobiliar (Ausstattung: Thomas Pekny), sondern auch auf so manches Geheimnis, das er clever für seine Zwecke einzusetzen weiß. Am guten Ende darf der Putzmann die Chefin sogar küssen. Das ist zwar vorhersehbar, doch weil die Chemie zwischen Prochnow und Wengler so stimmig ist, trotzdem erfreulich anzuschauen. Was wiederum ebenfalls nicht überrascht. Sind die beiden doch auch im echten Leben ein Paar. ///////    
Barbara Hordych, Süddeutsche Zeitung, 16.01.2017